Pudels Kern · Folge 4 — veröffentlicht am 10. August 2026
Bots stellen die Mehrheit im Netz. Am 15. September wird das zum Geschäftsmodell.
Am 3. Juni 2026 hat Matthew Prince, Mitgründer und Chef von Cloudflare, eine Zahl in die Welt gestellt: 57,4 Prozent der Anfragen an Web-Inhalte in seinem Netz kommen von Automaten, 42,6 Prozent von Menschen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Internets stellen Maschinen die Mehrheit. Prince hatte diesen Punkt für Ende 2027 erwartet und schrieb dazu einen Satz, den seither alle zitieren: das sei schneller passiert, als er vorhergesagt habe.
Ich habe die Meldung gelesen wie alle anderen. Dann habe ich mir angesehen, was auf dem Weg dorthin sonst noch gemessen wurde — und was seither passiert ist. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Zahl die uninteressanteste Größe in dieser Geschichte ist. Die interessante steht im Kalender.
Was gemessen wurde
Die Datenlage ist für ein Thema dieser Neuheit erstaunlich dicht.
HUMAN Security hat für seinen 2026 State of AI Traffic & Cyberthreat Benchmark Report (26. März 2026) mehr als eine Billiarde Interaktionen des Jahres 2025 ausgewertet. Automatisierter Verkehr wuchs um 23,51 Prozent, menschlicher um 3,10 Prozent — Faktor acht. Der Verkehr von KI-Agenten und Agenten-Browsern wuchs um 7.851 Prozent. Mehr als 95 Prozent davon entfallen auf drei Branchen: Handel und E-Commerce, Streaming und Medien, Reise und Gastgewerbe.
Cisco hat im Mai 2026 im Bericht AI Impact on Wide Area Networks nicht die Menge, sondern die Form des Verkehrs vermessen. Ein Agent erzeugt für dieselbe Aufgabe bis zu 450 Prozent mehr Verkehr als ein Mensch. Inferenz-Verbindungen dauern etwa doppelt so lang wie normale Web-Transaktionen — im Median 1.292 gegen 643 Millisekunden. Bis 2035 rechnet Cisco damit, dass KI-Inferenz ein Viertel des gesamten Netzverkehrs stellt.
Adobe Analytics hat im Q2-Bericht vom 16. April 2026 die kaufmännische Seite geliefert: Im März 2026 schlossen Besucher, die über KI-Assistenten auf US-Handelsseiten kamen, 42 Prozent häufiger ab als Besucher aus anderen Kanälen. Zwölf Monate zuvor lag derselbe Kanal 38 Prozent darunter. Das Vorzeichen hat sich in einem Jahr gedreht.
Diese Zahlen stimmen. Ich habe sie einzeln an ihren Quellen geprüft. Genau deshalb kann ich auch sagen, was sie nicht sind.
Der erste zweite Blick: Die Zahl ist eine Definition
Perplexity hat der Cloudflare-Auswertung öffentlich widersprochen und ihr vorgeworfen, nutzerausgelöste Abrufe mit automatisiertem Scraping in einen Topf zu werfen. Prince selbst nannte die zugrunde liegende Einordnung unsauber. NBC zählte 57,4 Prozent, Cloudflare selbst an anderer Stelle 57,5. Der Bad-Bot-Report von Imperva kam für 2025 auf 53 Prozent — anderer Korb, weil dort auch API- und App-Aufrufe zählen.
Dahinter steht eine Frage ohne technische Antwort: Wenn ein Agent in meinem Auftrag eine Seite abruft, weil ich ihn danach gefragt habe — bin das ich, oder ist das eine Maschine?
Das ist eine kaufmännische Entscheidung, verkleidet als Messgröße. Wer sie trifft, bestimmt mit, wer Reichweite ausweisen darf, wer für Zugriffe bezahlt und wessen Werbeimpression zählt.
Der zweite zweite Blick: Wer misst, hat ein Angebot
Cloudflare verkauft Bot-Management und Abrechnungsmodelle für Crawler. HUMAN Security verkauft die Abwehr synthetischen Verkehrs. Cisco verkauft Netzkapazität. Adobe veröffentlichte die 42 Prozent im zeitlichen Umfeld der Markteinführung seines LLM Optimizer, und die Daten stammen aus der eigenen Plattform, geprüft von niemand anderem.
Das entwertet keine dieser Messungen. Sie sind groß, methodisch beschrieben und der beste Bestand, den es gibt. Es erklärt aber, warum alle vier in dieselbe Richtung zeigen und keine in die andere. Vier unabhängige Erhebungen mit einer gemeinsamen Interessenlage sind kein Chor — es sind vier Solisten mit demselben Notenblatt.
Die nüchterne Lesart: Die Richtung ist belastbar. Die Höhe steht unter Vorbehalt.
Was heute schon eingetreten ist
Der Streit um die Nachkommastelle wäre folgenlos, wenn die Wirkung noch ausstünde. Sie steht nicht mehr aus.
Der Verkehr zu Inhalteanbietern bricht weg. Die weltweiten Google-Suchverweise an Verlage fielen im Jahr bis November 2025 um rund 33 Prozent, in den USA um 38. Ahrefs maß im Februar 2026 über 300.000 Suchbegriffe hinweg: Erscheint eine KI-Zusammenfassung über dem ersten Treffer, verliert dieser rund 58 Prozent seiner Klicks. Pew Research zählte 8 Prozent Klickrate mit KI-Zusammenfassung gegen 15 Prozent ohne.
Der klarste Einzelfall ist Wikipedia. Die meistzitierte Domain in Googles KI-Antworten verlor 2025 rund 8 Prozent menschliche Seitenaufrufe. Zitiert werden und besucht werden sind zwei verschiedene Dinge geworden.
Es steht bereits in einer Bilanz. In Alphabets Quartalszahlen vom 29. April 2026 sank der Anzeigenumsatz des Google-Netzwerks — der Teil, der über Drittanbieter-Seiten läuft — um 4 Prozent auf 6,97 Milliarden Dollar.
Und die Gegenseite ist ebenfalls live. Visa, Mastercard und Stripe haben 2026 Zahlungswege für Agenten in Betrieb genommen; Google stellte im Januar 2026 auf der NRF ein Handelsprotokoll vor, das Shopify, Etsy, Wayfair und Target mitentwickelt haben. Mastercard und Santander wickelten die erste vollständige Agenten-Zahlung innerhalb eines regulierten europäischen Bankenrahmens ab. Der Agent liest nicht mehr nur — er zahlt.
Zwischen diesen Absätzen liegt die ganze Bewegung: Auf der einen Seite verschwindet der Besucher, auf der anderen erscheint der Käufer, und es ist nicht derselbe Vorgang.
Der Tausch, der gerade zerbricht
Wer 7.851 Prozent liest, extrapoliert. Das ist der falsche Reflex, denn der Anteil ist die uninteressante Größe. Interessant ist die Abmachung, die dahinter zerbricht.
Dreißig Jahre lang lautete sie: Du nimmst meinen Inhalt, du schickst mir einen Besucher. Cloudflare hat dieses Verhältnis beziffert. Der Crawler von Anthropic rief rund 38.000 Seiten ab für jeden einzelnen Besucher, den er zurückschickte; bei OpenAI lag das Verhältnis bei etwa 1.091 zu eins. Im Juni 2026 entfielen 50,6 Prozent des KI-Bot-Verkehrs im Cloudflare-Netz auf Trainings-Crawler und nur noch 10,7 Prozent auf Such-Bots — also auf jene Sorte, die historisch mit Klicks bezahlt hat.
Eine gemeinsame Untersuchung von Cloudflare und der ETH Zürich vom April 2026 zeigt, wie tief das reicht: Über 90 Prozent der Seiten, die großflächige Crawler verarbeiten, sind inhaltlich einmalig. Das Zwischenspeichern des Webs ist auf die Annahme gebaut, dass beliebte Seiten wiederholt abgerufen werden. Maschinen lesen nicht das Beliebte. Sie lesen alles, einmal.
Das ist der Grund, aus dem Cloudflare handelt. Und weil das Ergebnis in sechs Wochen wirksam wird, lohnt es sich, genau hinzusehen — denn was dort passiert, ist enger und zugleich folgenreicher, als die Schlagzeilen nahelegen.
Was am 15. September passiert, einfach erklärt
Cloudflare steht als Pförtner vor einem großen Teil der Websites weltweit. Jeder Bot, der anklopft, sagt beim Eintreten, wer er ist. Heute steht die Tür für fast alle offen, die sich als Suchmaschine ausweisen.
Das Problem sind Mehrzweck-Crawler. Derselbe Bot holt eine Seite für die Suchergebnisse, fürs Modelltraining und für einen Agenten — in einem Vorgang, ununterscheidbar. Cloudflare benennt in seiner Ankündigung vom 1. Juli 2026 ausdrücklich die größte Suchmaschine der Welt: sie komme so an etwa doppelt so viele Informationen wie andere KI-Anbieter, weil man kaum in der Suche sichtbar bleiben kann, ohne zugleich fürs KI-Produkt verwertet zu werden.
Ab dem 15. September ändert Cloudflare die Standardantwort des Pförtners für genau diese Mehrzweck-Crawler. Der Zweck ist eine Aufforderung an die KI-Anbieter: Trennt eure Bots. Wer einen sauberen Suchbot und einen sauberen KI-Bot betreibt, kommt weiter durch.
Der Korridor ist dabei eng. Die neue Voreinstellung greift nur, wenn vier Bedingungen zusammenkommen: Die Site liegt hinter Cloudflare. Die betreffende Seite trägt Werbung. Es handelt sich um ein Gratis-Konto, einen Neukunden oder eine neu angelegte Site. Und der Betreiber hat die Einstellung nie angefasst.
Parallel ersetzt Cloudflare die Abrechnung pro Abruf durch eine Abrechnung pro Nutzung: Bezahlt wird, wenn Inhalt in einer Antwort verwendet wird, nicht wenn eine Seite geholt wird. Erste Partner sind Ceramic.ai und You.com.
Wen das wirklich trifft — drei Fälle
Die Nachrichtenseite: voll getroffen, und zwar absichtlich. Das ist der Adressat. Werbefinanzierte Seiten sind genau der Fall, für den die Regel gebaut ist. Für sie ändert sich zweierlei. Erstens fällt Last weg — nach Cloudflares Daten entfallen über 50 Prozent des KI-Crawl-Verkehrs auf das erneute Holen unveränderter Seiten. Zweitens öffnet sich ein Erlösweg über die Abrechnung pro Nutzung. Der Preis dafür ist ein Risiko: Trennen die KI-Anbieter ihre Bots nicht, verschwindet die Seite aus deren Antworten. Das ist die Wette.
Der offene Online-Händler: der Automatismus greift meist gar nicht. Ein Shop schaltet auf seinen eigenen Produktseiten in der Regel keine Fremdwerbung. Damit fällt die zweite Bedingung weg, und am 15. September passiert für ihn nichts. Sein Thema liegt vorher und ist größer: Handel ist eine der drei Branchen, auf die über 95 Prozent des KI-Verkehrs entfallen. Er hat den Maschinenanteil heute schon im Haus — meist ohne ihn in den Zahlen zu sehen.
Der geschlossene B2B-Shop: am wenigsten betroffen und am ehesten gefährdet. Hinter dem Login sieht ohnehin kein Bot etwas; dort ändert sich nichts. Entscheidend ist der öffentliche Vorbau: Produktübersichten, Datenblätter, technische Beschreibungen, Referenzen. Genau das liest ein Agent, wenn ein Einkäufer fragt, wer Bauteil X in Spezifikation Y liefert. Diese Seiten tragen keine Werbung, die Voreinstellung greift also nicht. Das Risiko ist das umgekehrte: Solche Vorbauten sind oft unlesbar — Datenblätter nur als PDF, Angaben erst nach Login, Seiten, die ohne JavaScript leer bleiben. Also: gesperrt sind sie nicht, gefunden werden sie trotzdem nicht. Für das Ergebnis ist das dasselbe.
Was das für den Kunden bedeutet
Ein Einkäufer fragt künftig seinen Assistenten, statt drei Anbieter anzurufen. Der Assistent antwortet aus dem, was er lesen kann. Wenn ein wachsender Teil des Webs gesperrt, bepreist oder schlicht unlesbar ist, wird die Antwort schmaler — und sie enthält bevorzugt, wer lesbar geblieben ist oder für Lesbarkeit bezahlt hat.
Für den Kunden heißt das: weniger Auswahl, die er nie als Auswahl erlebt. Er sieht, was der Agent nennt. Nicht genannt zu werden fühlt sich für ihn deshalb auch nicht wie Ausschluss an, sondern wie Nichtexistenz.
Der Kern: der Nenner verrät es zuerst
Wo merkt man so etwas im eigenen Haus? An einer Stelle, die niemand für strategisch hält.
Die Conversion Rate ist ein Bruch. Oben stehen Abschlüsse, unten Besuche. Wenn unten Maschinen mitzählen, ist die Kennzahl keine Aussage mehr über Kunden, sondern über Kunden plus Rechenaufwand — und niemand weiß, in welchem Verhältnis.
Dasselbe gilt für alles, was daran hängt. Die Absprungrate: Ein Agent, der in zwei Sekunden die Öffnungszeit abgreift und verschwindet, hat seine Aufgabe erledigt; als Abbruch verbucht, sieht das aus wie ein Fehler der Seite. Die Verweildauer: gemischt aus menschlichem Lesen und maschinellem Abholen. A/B-Tests: Eine Variante kann gewinnen, weil sie maschinell besser lesbar ist, und man hält das Ergebnis für eine Aussage über Geschmack. Kosten pro Besuch: berechnet auf einem Nenner, den niemand geprüft hat.
Das ist der Pudels Kern. Der Tausch aus dreißig Jahren wird gerade aufgekündigt und neu bepreist — und die Instrumente, mit denen die meisten Häuser ihr digitales Geschäft steuern, melden davon nichts, weil sie beide Sorten Verkehr in dieselbe Zahl schreiben.
Drei Schritte, in dieser Reihenfolge
Erst trennen, dann entscheiden. Bevor irgendeine Strategie angepasst wird, gehört der eigene Verkehr getrennt: Server-Logs, User-Agent-Auswertung, die Daten des eigenen Anbieters. Solange der Nenner ungeprüft ist, ist jede Ableitung daraus eine Vermutung mit Nachkommastelle.
Lesbarkeit ist Infrastruktur. Strukturierte Daten, saubere Server-Antworten, kurze Ladezeiten, klare Seitenstruktur entscheiden darüber, ob eine Maschine die eigenen Inhalte überhaupt verwerten kann. Adobe hat gemessen, dass rund ein Drittel der Startseiten-Inhalte im US-Handel für KI-Modelle unlesbar ist. Das ist IT-Arbeit, keine Kampagne, und gehört entsprechend geplant und budgetiert.
Die Voreinstellung ist eine Entscheidung — auch die, die man nicht trifft. Vor dem 15. September gehört auf den Tisch, welche Crawler das eigene Haus zulässt, welche es bepreist und welche es sperrt. Beides ist legitim, beides hat einen Preis. Und weil ein mittelständisches Unternehmen heute auf beiden Seiten steht — es veröffentlicht Inhalte und es schickt eigene Agenten los —, gehört diese Abwägung an denselben Tisch wie die Entscheidung über Vertriebskanäle, nicht in eine Konfigurationsdatei.
Zum Schluss
Ich arbeite seit über 25 Jahren an digitalen Geschäftsmodellen und habe mehrfach erlebt, wie eine neue Technik zuerst als Strategiefrage diskutiert wurde und sich Monate später als Messfrage entpuppte. Die Reihenfolge ist selten umgekehrt.
Bevor man das Geschäft an eine neue Wirklichkeit anpasst, prüft man die Instrumente, mit denen man sie sieht. Und dann schaut man in den Kalender.
Quellen
- Cloudflare Radar, Angaben von Matthew Prince vom 3. Juni 2026; Widerspruch von Perplexity, Berichterstattung Juni 2026
- Cloudflare, Ankündigung vom 1. Juli 2026 (Berichterstattung TechCrunch, 1. Juli 2026): Voreinstellungs-Sperre für Mehrzweck-Crawler auf Werbeseiten ab 15. September 2026, geltend für Neukunden, neue Sites und Gratis-Konten; Umstellung von Pay Per Crawl auf Pay Per Use mit Ceramic.ai und You.com als ersten Partnern
- Cloudflare-Veröffentlichungen zu Crawl-zu-Verweis-Verhältnissen seit August 2025
- Cloudflare / ETH Zürich, Untersuchung zum Zwischenspeicher-Verhalten, April 2026
- HUMAN Security, 2026 State of AI Traffic & Cyberthreat Benchmark Report, 26. März 2026
- Imperva, Bad Bot Report 2026, 29. April 2026
- Cisco, AI Impact on Wide Area Networks: Cisco Report 2026, Mai 2026
- Adobe Analytics / Adobe Digital Insights, Q2-2026-AI-Traffic-Report, 16. April 2026 (Kalender-Q1 2026, US-Handel)
- Press Gazette (Rückgang der Suchverweise), Ahrefs (Februar 2026, 300.000 Suchbegriffe), Pew Research (Klickraten)
- Alphabet, Quartalszahlen vom 29. April 2026
- Berichterstattung zu Visa Intelligent Commerce, Mastercard Agent Pay, Stripe Agentic Commerce Suite und dem auf der NRF im Januar 2026 vorgestellten Handelsprotokoll
Michael Kraewing · Interim Manager